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Marc Höttemann Westfalenstadion Südtribüne

Borussia Dortmund vor dem Rückrundenstart: Mein Jahresrückblick 2012

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Es ist eine Tradition beim Fußball-Magazin Gib mich die Kirsche, das Jahr mit einem Redaktionsgespräch Revue passieren zu lassen.

Ich freue mich, dass ich – wie im Vorjahr – beim Rückblick wieder mit von der Partie bin. Das komplette Gespräch gibt es in mehreren Etappen nachzulesen:

Marc Höttemann Westfalenstadion SüdtribüneMeine Sicht auf den tollsten Verein der Welt gibt es direkt bei mir im Blog zu lesen:

Auch 2012 lassen wir Euch wie gewohnt zwischen Weihnachten und Neujahr an unserem letzten Redaktionsgespräch des Jahres teilhaben, das diesmal den Rückblick auf das Double und atemberaubende Spiele in Europa’s Königsklasse zum Inhalt hatte. Wie nicht anders gewohnt, haben wir uns auch in diesem Jahr gezielt verstärkt und wieder Kollegen aus dem journalistischen Umfeld des BVB zu uns eingeladen.

Neben „Kirsche-Urgestein“ Bruno „Günna“ Knust, diskutieren in diesem Jahr die Journalisten Felix Meininghaus (u.a. Die Zeit, Tagesspiegel), Marcus Bark (sportschau.de) und Heinz Büse (dpa) kräftig mit. Auch in diesem Jahr haben wir unsern Rückblick wieder in fünf Themenblöcke unterteilt: Sportliche Situation, Personelle Bestandsaufnahme, Umfeld, wirtschaftliche Situation, Fans und einem Ausblick auf 2013. Viel Spaß!“

1. Sportliche Situation
Zu einem Jahresrückblick wie unserem gehört naturgemäß auch das erste Halbjahr. Wir schauen gerne zurück. Es gibt sicherlich Ursachen dafür, dass die Borussia ihre achte Schale in die Höhe stemmen konnte. Vereinsstrategie? Geschlossenheit? Fitness? Teamgeist? Individuelle Klasse? Spiel gegen den Ball? Spiel mit dem Ball? Schwächelnde Konkurrenz? Woran hat es Eurer Meinung nach gelegen, dass der BVB dem Rest der Liga erneut enteilt ist?

Auch wenn es der eine oder andere nicht gern hört: neben der mannschaftlichen Geschlossenheit und der individuellen Stärke der Dortmunder Akteure war die sensationelle Saison 2011/2012 auch der Schwäche der Konkurrenz zu verdanken. Nur wenige haben erwartet, dass die Bayern so sehr einbrechen – allerdings soll dies nicht den Erfolg des Dortmunder Durchmarsches zum zweiten Meistertitel in Folge schmälern. Wie stark die Bayern in dieser Saison sind, zeigt der derzeitige Vorsprung der Roten in der Tabelle.

Wenn wir uns die zahlreichen eingestellten Rekorde anschauen, 81 Punkte, 80 geschossene Tore etc. – kann man sagen, dass das Jahr 2012 das qualitativ beste in der Vereinsgeschichte war?

Rückblickend betrachtet war die vergangene Saison wirklich märchenhaft in der Bundesliga. Ich bin seit 1990 ein Schwarz-Gelber und habe solch eine Spielzeit bislang nicht erlebt.

Nach einem optimal verlaufenen Trainingslager im Januar in La Manga, startete der BVB furios mit einem 5:1-Kantersieg in Hamburg durch. Erstaunlich war dabei nicht so sehr das Ergebnis, sondern die Art und Weise wie sich der Titelverteidiger mit Harmonie und Spielfreude zurückmeldete, oder?

Sicherlich habe ich nicht auf einen solchen furiosen Auftakt gewettet. Dass unser BVB aber spielerische Stärke mit mannschaftlichem Zusammenhalt zu einer erfolgreichen Mischung verbinden kann, stand außer Frage.

Als dann am 30. Spieltag, Mitte April, auf der Zielgeraden der FC Bayern München nach hartem Kampf und der nötigen Portion Glück des Spitzenreiters bezwungen wurde, war der Weg zum Titel frei. Hat der BVB tatsächlich zum Branchenprimus in der Gesamtsubstanz aufgeschlossen?

Aufgeschlossen hat Dortmund sicherlich zum Branchenprimus. Die Frage ist, wie groß der Abstand bis nach ganz oben ist. Schließlich bedeuten zwei Meistertitel in Folge sowie ein Pokalsieg nicht automatisch, dass wir uns mit den Bajuwaren auf eine Stufe stellen. Ich teile nicht die Meinung von Uli Hoeneß, dass die Münchener Jahrzehnte entfernt sind. Allerdings ist eine gewisse tabellarische Konstanz auf der deutschen und europäischen Bühne über mehrere Jahre hinweg erforderlich, um auf einem wirtschaftlichen UND sportlichen Duell auf Augenhöhe zu sprechen.

Während der Rückrunde wurde bereits in Fachkreisen gemutmaßt, dass die Clubs künftig gegen den BVB erheblich früher verteidigen und läuferisch konsequenter Räume zustellen wollen, um das schnelle Umschaltspiel der Schwarzgelen zu unterbinden. Dazu kamen erstmals Abstimmungsdefizite in der Defensivabteilung, die eine erhebliche Diskrepanz zwischen tabellarischem Wunsch und der Wirklichkeit verdeutlichten…

Leider zeigte sich diese Mutmaßung in mehreren Spielen. Doch die Dortmunder Spieler haben unter Beweis gestellt, dass sie mit diesen Anforderungen umgehen können und sich entsprechende andere Lösungswege während der Begegnung ausdenken, um die Berechenbarkeit für den Gegner zu widerlegen.

Das Hammer-4:4 gegen Stuttgart, das für Bayern so demütigende Pokalfinale, die Doppel-Gala gegen die Königlichen aus Madrid – was war Dein persönliches Highlight dieses an Höhepunkten so reichen Jahres?

Es fällt mir sehr, sehr schwer, eine Begegnung aus der vergangenen Saison herauszupicken. Mein persönliches Highlight war das 1:0 in der Rückrunde gegen Bayern München. Insbesondere die Schlussphase mit den Protagonisten Arjen Robben, Neven Subotic und Elfmetertöter Roman Weidenfeller haben mich nachhaltig gefesselt.

Endlich erfolgreich in Europa. Wenn ja, wie hat sich der deutsche Fußball verändert?

Die deutschen Mannschaften schaffen es endlich, dass sich das vernünftige wirtschaftliche Handeln auch auf dem Fußballplatz auszahlt. Ich bin der Meinung, dass nun nachhaltig die sportliche Rendite für das sorgfältige Wirtschaften in den Vereinen auszahlt.

2. Personelle Bestandsaufnahme

Lasst und über über die Baustellen beim BVB sprechen. Perisic kommt nicht zurecht mit seiner Reservistenrolle und wird sicher wieder gehen, auf Lewandowskis’s Abschiedtournee müssen wir uns ebenso einstellen, wie auf die Verabschiedung von Felipe Santana. Wo liegt denn Eurer Meinung nach in diesen Personalien die Wahrheit? „auf’m Platz“ kostet übrigens 5 Euro fürs Phrasenschwein…

Ivan Perisics Unzufriedenheit kann ich teilweise nachvollziehen. Allerdings ist es dem Kroaten bislang nicht gelungen, seine verbal proklamierten Ansprüche auch sportlich zu begründen. Robert Lewandwoski wird vermutlich den gleichen Weg wie Shinji Kagawa gehen: sportlich zu einem Star in Dortmund gereift und dann für viel Geld an einen finanziell potenteren Verein im Ausland verkauft werden. Felipe Santana hat das Pech, dass er mit Mats Hummels und Neven Subotic zwei starke Konkurrenten im Verein hat. Allerdings hat die Hinrunde 2012/2013 gezeigt, dass wir Felipe Santana unbedingt benötigen.

Dazu hat der BVB mit Löwe und Kirch offenbar auf Leute gesetzt, die möglicherweise gewogen und für zu leicht befunden wurden, oder?

Der BVB verfügt mit Marcel Schmelzer und Lukas Pisczek über zwei der besten Außenverteidiger in der Bundesliga. Doch auch die zweite Reihe ist nicht schlecht besetzt. Oliver Kirch hat gegen Man City im Dezember unter Beweis gestellt, wie wertvoll er sein kann.

Im Vergleich zu anderen Spitzenmannschaften hat der BVB eher einen recht kleinen Kader. Jürgen Klopp begründet das immer damit, dass alle nah dran sein sollen, auf’m Sprung ins Team zu sein. Dennoch sieht man bei Verletzungen schnell die personellen Engpässe. Und eine Saison auf drei Hochzeiten ist bekanntlich lang und wird über das Bankpersonal nicht unwesentlich mit entschieden. Muss Borussia da nicht noch zulegen?

Nachdem das Überwintern in der Todesgruppe der Champions League unter Dach und Fach ist, wird Borussia Dortmund die Dreifachbelastung mit Bundesliga, DFB-Pokal und Königsklasse auch im Frühjahr 2013 einiges an Kraft kosten. Wenn der Klub vom Verletzungspech verschont bleibt, kann Klopps Rechnung aufgehen.

Letztes Jahr an gleicher Stelle stellte ich die provokannte Frage, ob man Sebastian Kehl mit einem neuen Vertrag lediglich für seine Vereinstreue belohnen sollte, oder ob er doch noch mal wertvoll werden könnte für den BVB. Inzwischen kann man das, glaube ich, besser bewerten…

Sebastian Kehl ist neben Roman Weidenfeller der erfahrenste Spieler beim BVB und auch in dieser Spielzeit extrem wichtig für den Verein. Seine Ruhe im Spiel und seine spielerische Stärke sollten jetzt außer Frage stehen.

Mario Götze und Marco Reus machen unglaublich viel Spaß aus Dortmunder Sicht. Leider bleibt das dem Ausland ebenfalls nicht verborgen. Müssen wir – trotz laufender Verträge – künftig damit leben, dass unsere Ausnahmetalente allwöchentlich mit allen möglichen Top-Vereinen dieser Welt in Verbindung gebracht werden?

Je besser die Spieler spielen, umso größer das Interessse der Vereine. Das ist leider der Lauf der Dinge. Und verhindern lässt es sich nicht. Wenn Dortmund weiterhin so professionell mit der ordentlich gefüllten Gerüchteküche umgeht, sollten die Auswirkungen dieser Störfeuer überschaubar bleiben.

Shinji Kagawa gehörte zu den Senkrechtstartern beim BVB, bevor er von Manchester’s Sir Alex Ferguson nach Old Trafford geholt wurde. Anfangs dachte jeder, dass die Lücke, die der japanische Mittelfeldspielerhinterließ, kaum geschlossen werden könne. Heute sehen wir Gündogan und Reus in ähnlichen Spähren glänzen. Konnte sein Weggang also vollständig kompensiert werden?

Wenn ich den bisherigen Saisonverlauf betrachte und nicht nur die Punkteausbeute zu Rate ziehe, ist der Weggang von Marco Reus und Mario Götze sicherlich kompensiert worden. Ich habe auch nicht erwartet, dass der Weggang des Japaners so geräuschlos von der Mannschaft aufgefangen werden konnte.

Und da war ja noch der Löw-Knaller des Jahres. Marcel Schmelzer wurde sein Können abgesprochen und der so gescholtene erwiderte: „Ich war schon immer ein Typ, der über Vertrauen funktioniert und nie über Druck“. Egal, ob sich Löw damals unabsichtlich vergaloppiert hatte oder seine Worte bewusst gewählt hatte: Seit der öffentlichen Fundamentalabrechnung, die dem Bundestrainer weitaus mehr schadete als dem von ihm Kritisierten, läuft es bei Schmelzer auffällig gut, oder?

Ich möchte eigentlich nichts zu dem Bundestrainer sagen. Die Aktion war von seiner Seite peinlich genug. Dass Marcel Schmelzer die Antwort auf dem Platz gegeben hat, spricht für seinen Charakter und seine Art, mit solcher unberechtigter Kritik umzugehen. Hut ab, Marcel!

Wo müsste der BVB Eurer Meinung nach diesen Kader ergänzen, bzw. welchen Bundesligaspieler würdet Ihr gerne beim BVB sehen?

Ich sehe auf der Stürmerposition Nachholbedarf. Auch wenn bei Julian Schieber immer wieder argumentiert wird, dass er noch Zeit benötigt, sind mir seine bisherigen Einsätze für die Schwarz-Gelben nicht nachhaltig positiv in Erinnerung geblieben.

3. Umfeld, wirtschaftliche Situation

Der BVB schwimmt derzeit auf einer Erfolgswelle. Mit den sportlichen Erfolgen hält die wirtschaftliche Komponente naturgemäß Schritt. Nie war es leichter, Sponsoren zu geweinnen und lukrative Verträge abzuschließen.Ist das jetzt die Phase der „Nachhaltigkeit“, wie von Aki Watzke propagiert?

Sportlicher Erfolg geht immer mit wirtschaftlicher Prosperität einher. Wenn Borussia Dortmund die einmalige Gelegenheit nicht jetzt nutzt, wann dann?

In Polen hat der BVB Schätzungen zu Folge – Lewandowski, Piszczek und Blaszczykowski sei Dank – eine halbe Millionen Anhänger , in Asien schauen dem BVB mittlerweile geschätzte 600 Millionen Menschen zu. Sollte der BVB seine Marketingmaßnahmen im Ausland weiter ausdehnen?

Der deutsche Markt ist relativ gesättigt, was die Marketing-Chancen angeht. Insofern befürworte ich eine Expansion der Marketing-Aktivitäten in den relevanten Märkten Asien und möglicherweise auch Europa.

Nüchtern zitiert: Der Aufsichtsrat hat sich dem Vorschlag der Geschäftsführung an die Hauptversammlung angeschlossen, diese möge beschließen, den im Geschäftsjahr 2011/2012 in Höhe von EUR 34.284.211,70 ausgewiesenen Bilanzgewinn zur Ausschüttung einer Dividende von EUR 0,06 je dividendenberechtigter Stückaktie zu verwenden… Spiegelt die erstmalige Dividendenausschüttung nun auch die positive Gesamtsituation wider?

Die Dividendenausschüttung von Borussia Dortmund ist unter Rendite-Gesichtspunkten natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Allerdings ist es auch als Signal an die Anteilseigner zu verstehen, dass nicht nur „in Steine und Beine“ investiert wird, sondern auch langfristig eine Ausschüttung für die Aktionäre zu erwarten ist.

So sehr der BVB in den letzten Jahren auch seine Strukturen professionalisiert hat – die Ticketproblematik bleibt die Archillesferse der Geschäftsstelle. Eine nervige Hotline, die entweder besetzt ist, oder fehlerhafte Auskünfte liefert und so der immer größer werdenden Fangemeinde die Freude verhagelt. Warum löst die Chefetage dieses Problem nicht einfach?

Auch wenn ich unzählige Male an der Ticket-Hotline verzweifelt bin, ist es schwer, den Königsweg für dieses Problem zu finden. Eine reine Abwicklung über das Internet-Ticketing wird am Widerstand der nicht netz-affinen Anhänger (ja, auch diese Klientel gibt es noch und sie ist größer als manch einer denkt!) scheitern.

Stichwort Eintrittskarten-Preisspirale. Der Fußball wird immer teurer. „Kein Zwanni fürn Steher“ hat es bislang nicht vermocht, Wucherer wie beispielsweise den Hamburger SV zum Ändern ihrer überzogenen Preispolitik zu bewegen. England ist ein warnendes Beispiel dafür, dass die Aussperrung der klassischen Fans zu Lasten der Stimmung geht. Wo seht ihr das Ende der Fahnenstange erreicht?

5. Rückrunden-Perspektiven – Ausblick auf 2013

Von welchem Spieler erwartest Du in der Rückrunde den Durchbruch?

Ich traue in der Rückrunde Leonardo Bittencourt einiges zu und würde mich freuen, wenn er bei Jürgen Klopp auf einige Einsatzzeiten kommt.

Was muss die Borussia (noch) tun, um dauerhaft eine Spitzenmannschaft zu werden?

Im Prinzip ist es ganz einfach. Einfach so weitermachen wie bisher und dazu die teilweise zu verspielt wirkende Offensivkraft in Tore ummünzen. Manchmal bringt es mehr, sich nicht den Kopf zu zerbrechen, wie das Leder im Tor untergebracht wird, sondern „einfach mal abzuziehen.“

Was erreicht Borussia am Ende der Saison, welcher Tabellenplatz wird es werden?

Für mich ist das Thema Meisterschaft nicht erst seit Anfang Dezember 2012 gegessen gewesen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Borussia mindestens ins Viertelfinale der Champions League einzieht, im DFB-Pokal – positiv – für eine Überraschung sorgen kann und in der Bundesliga mit einem zweiten Tabellenplatz abschließen kann.

Wovon wird der Erfolg maßgeblich abhängen?

Entscheidend wird sein, dass der BVB Spiele, die er in der Hinrunde mit Pech oder Unvermögen nicht gewonnen hat, in der Rückrunde für sich entscheiden kann. Außerdem kann es hilfreich sein, weniger unentschieden zu spielen J

Schaut mal bitte in eure Glaskugel und vollendet diesen prospektiven Bericht: 18. Mai 2012. Wieder ist eine Saison gespielt. Die Tickets nach Europa sind vergeben, die Absteiger stehen fest…

… und ich bin mit meinem Lieblingsverein Borussia Dortmund wieder sehr, sehr zufrieden und freue mich auf die neue Saison 2013/2014.

Autor: Marc

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