Ein Ostwestfale im Rheinland

Das Leben jenseits des Rheins in mehr oder weniger weisen Worten.

Anja und Tanja – Fußball-Event-Fans nerven mich nicht nur bei der UEFA EURO 2012

| 18 Kommentare

Alle Jahre wieder befindet sich Deutschland im Fußball-Fieber. Im Vier-Jahres-Rhythmus wechseln sich Weltmeisterschaft und Europameisterschaft ab und sorgen so alle zwei Jahre für kollektiven Feierfreude bei breiten Bevölkerungsschichten in unserem Land. War das schon immer so?

Fußball damals

Nein, das war es nicht. Die erste echte Erinnerung an ein großes Fußballturnier stammt bei mir aus dem Sommer 1982. Damals war ich siebeneinhalb Jahre alt und hatte das erste Jahr in der  Grundschule absolviert. Des Lesens deshalb mächtig, hat sich ein Aufkleber der hiesigen Spar- und Darlehenskasse (heute: Volksbank) in mein Hirn gebrannt. Anlässlich der Weltmeisterschaft in Spanien pappte ein Aufkleber mit dem Slogan „Spanien olé, meine Bank ist o.k.“ an meinem Kinderbett.

An die EM 1984 habe ich keine Erinnerung, an die WM 1986 sehr wohl. Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel Ende Mai 1986 stürzte ich übelst mit meinem Fahrrad in einer Kurve und schlug mir Teile des linken Vorderzahnes aus. Das sind Erlebnisse, die nicht vergessen werden… Während diese Erinnerungen nur am Rande mit Fußball zu tun hatten, wechselte das Interesse am Spiel mit der Lederkugel 1988.

Ich kann mich gut an die Europameisterschaft im eigenen Land erinnern. Ich erinnere mich an die Abende daheim, als mein Dad seine Skatbrüder eingeladen hat und die Männer gemeinsam das Spiel geschaut haben. Damals war Fußball die klassische Männerdomäne und die Frauen kamen nur mit der Fernseh-Übertragung in Berührung, wenn sie den Männern Knabbereien-Nachschub serviert oder den Biervorrat aufgefüllt haben. So sollte es lange bleiben. Fußball war ein reines Männer-Thema.

EM 2012 Europameisterschaft Deutschland Flagge Beflaggung Wohnzimmer Deutschland BRD

Fußball heute

Das änderte sich 18 Jahre später schlagartig. Deutschland richtete die Weltmeisterschaft 2006 aus und die Welt war zu Gast bei Freunden. Das Sommermärchen wurde geschrieben und plötzlich war es auch für Frauen en vogue, Fußball-Freund (ich vermeide das Attribut „Fan“) zu sein und sich als solcher zu präsentieren. Sportausrüster adidas freute sich über Trikotverkäufe im sechs- oder vielleicht sogar siebenstelligen Bereich, Deutschland-Fahnen wehten an allen möglichen und unmöglichen Stellen und überall breitete sich nationaler Stolz aus.

Auf einmal wehten Flaggen von den Autos und verschmutzten im Nachgang die Autobahnen, weil der Halter des Fahrzeugs die Hinweise zur Nutzung (nicht schneller als 50 km/h mit Autoflagge fahren) nicht gelesen oder nicht verstanden hat. Auch der Begriff Autobikini tauchte erstmals im allgemeinen Sprachgebrauch auf. Dabei handelt es sich um Überzieher für den rechten und linken Außenspiegel, der den Lack mit schwarz-rot-gelbem Stoff bedeckt.

Außerdem erlebte das Public Viewing seine Premiere. Das auch als „Rudelgucken“ bezeichnete Event erfreut sich seit 2006 großer Beliebtheit und ist letztlich nichts anderes als ein volksfestähnliches Event inklusive Komasaufen, dessen Grundrauschen aus einer Live-Übertragung eines Turnierspieles bei der WM oder EM mit – überwiegend – deutscher Beteiligung ist.

Der unbestrittene Höhepunkt des Hypes sind allerdings Anja und Tanja. Über Anja und Tanja als Oberbegriff einer Spezies hatte ich im Rahmen des EM-Abseits bereits ausführlich berichtet. Schon nachmittags, viele Stunden vor dem Anpfiff, hüllen sich die jungen Frauen in Trikots der deutschen Fußballnationalmannschaft, malen sich die Farben unseres Landes auf die Wangen und pilgern kichernd und quietschend zum Fan-Fest an das Brandenburger Tor oder zu anderen beliebten Locations, um der Nationalelf zuzujubeln.

Seit sechs Jahren wiederholt sich das grausame Ritual von Voll-Beflaggung ganzer Häuser und Autos, das gruselige Public Viewing und das affektierte Jubeln und Kreischen bei Toren der Jogi-Jünger alle zwei Jahre. Ich drehe bei so etwas ab. Ich will kein „Event“, ich brauche keine „Fan-Meile“, keine „Event-Fans“ und auch kein „Public Viewing“. Ich möchte Fußball sehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Dieser Beitrag ist übrigens inspiriert von Andreas‘ Text im Blog nebenan: Gegen den modernen Fußball.

Autor: Marc

Hallo, ich bin Marc. Schön, dass Du bei mir im Blog vorbeischaust. Hier mein Leben in weniger als 140 Zeichen: Google-Fan, Sony Xperia Z5 compact, ipad mini 2, BlackBerry Classic, Android, iPad 4, Social Media, nur der BVB, Reiseblogger, Vater, (Ehe-) Mann, Chef. Ich bin übrigens auch bei Facebook, Google+ und Twitter zu finden.

18 Kommentare

  1. Keine Ahnung von Fussball, aber ein 60 Euro Trikot von Schönling Gomez tragen, Wangen bemalen und beim Rudelgucken kreischen und quitschen, wenn der „hübsche, sexy deutsche“ am Ball ist….

    Schrecklich. -.-

  2. Ich finde es auch furchtbar! Und ich zähle mich nicht zu den beschriebenen Frauen-Fans, denn mein Papa hat mich als kleines Mädchen schon mitten in seine Männerrunde gesetzt, damit ich mitgucken kann. Und er hat mir beigebracht, nicht dazwischen zu quatschen, was Abseits ist und welche qualifizierten Kommentare man wann abgeben sollte 😉

  3. die deutschen mädels im stadion sehen durchweg schlechter aus als die mädels der anderen nationen. die verkleidungen der anderen nationen im stadion sind deutlich phantasievoller als die der deutschen fans. die event-besucher beim public viewing gehen mir eh auf den keks. noch fragen?

  4. Hallo Marc,

    das sind wirklich wahre Worte, die Du da schreibst! Das waren noch Zeiten, als die Frauen sich um Essen und Trinken kümmerten, während die echten Fussball-Fans den Spielen der deustchen Mannschaft zusahen. In meiner Nachbarschaft ist ebenfalls „Vollbeflaggung“ angesagt. Nach dem Sieg gegen Dänemark gestern, wurden die ersten Autokorsos gebildet und die ersten Feuerwerkskörper gezündet! Ich frage mich was diese „Fussball-Freunde“ erst machen, wenn Deutschland wirklich Europameister wird… wahrscheinlich hat Deutschland dann einen weiteren Feiertag…
    So muss man leider resümieren, dass das Sommermärchen von 2006 auch negative Begleiterscheinungen nach sich zieht…

    Gruß
    Björn

  5. Ich mag das Flagge zeigen.
    Was ich ebenfalls nicht mag, sind diese Event-Fans. Schlimm sowas.
    Allerdings hülle auch ich mich in ein Trikot und wie beim BVB sehe ich es bei der Nationalmannschaft ähnlich: Keine Namen oder Nummern. Ich muss keine einzelnen Spieler huldigen. Es zählt immer das ganze Team.

  6. Das erwähnete Frauenbild der 80ger hat sich m.M. zum Glück geändert. Ich persönlich finde es ok, wenn die Frauen mitgucken und nicht nur zum „Schnittchenmacher und Bierholer“ degradiert werden. Das nur Männer Fussball gucken sollten finde ich reaktionär.
    Natürlich sollte bei einer EM oder WM der Sport im Mittelpunkt stehen und nicht nur das Event, aber ich finde es auch gut, dass wir wieder Flagge zeigen, hinter unsererm Team stehen und das auch zeigen. Unsere Jungs zeigen schönen Fußball und wir können stolz auf unsere Nationalmannschaft sein. Da kann man doch auch laut jubeln und Autokorso fahren.

    • Hallo Markus,

      Autokorso => JA, aber doch nicht, wenn man drei Gruppenspiele der Vorrunde gewonnen hat, oder? Einen richtig schicken Autokorso und von mir aus auch ein riesen Feuerwerk kann man machen, wenn wir wirklich mal was gewonnen haben! Es zählt doch nur, wer am Ende den Pott gewinnt. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und die nächste Hürde Griechenland muss erstmal noch genommen werden…

  7. Das Problem ist jetzt genau welches?

    Es stört, dass mehr Menschen Spaß an Fußball haben, obwohl diese nicht ihr ganzes Leben einem Verein widmen und täglich den Sport-Teil lesen?

    Es stört, dass Menschen die tolle Stimmung genießen und mitfeiern wollen?

    Oder stören dich ganz einfach Brüste? Kannst du nicht konzentriert Fußball schauen, wenn Frauen um dich herum sind?

    Ach bitte… Dieser ganze Post hier schreit einfach nur „intoleranz“.

    Vielleicht solltest du dir lieber Kreisliga-Spiele ansehen. Da geht es noch um den Sport! Kein Kommerz, keine Frauen, echte Liebe. Bla bla bla

  8. Nachtrag:

    „Ich will kein “Event”, ich brauche keine “Fan-Meile”, keine “Event-Fans” und auch kein “Public Viewing”. Ich möchte Fußball sehen. Nicht mehr und nicht weniger.“

    Dann bleib doch einfach zu Hause, denn ich will ein Event, ich will eine Fan-Meile und ich finde Event-Fans ganz großartig, bin schließlich selbst einer.

  9. Da ich mich auch zu den Frauen zähle die nur zu WMs und EMs Fußball schauen, fühle ich mich also angesprochen. Das Einzige, was ich dazu zu sagen habe:

    Ich musste gestern allen 8 Männern in meinem Umfeld erklären, wie die Punkteverteilung der Gruppe B ist und wie wer spielen muss, damit Deutschland drin bleibt. Männer, die das ganze Jahr über Fußball gucken, wahrscheinlich, weil es immer so war und deshalb immer so sein sollte, aber nicht, weil es sie wirklich interessiert.

    (Danke @gilly)

  10. Fußball-Events mag ich genau so wie mit 10 Leuten beim Imbiss um die Ecke schauen. Fußball ist da wichtig und wenn die Stimmung da ist reicht das. Was ich nicht mag sind stundenlanges Anstehen oder überhaupt stehen auf Fanmeilen oder so. Können gerne andere machen. Das Feeling dort ist aber dennoch einzigartig. Wenn man von ‚im Stadion‘ absieht.

  11. Ich sehe das Ganze ähnlich, allerdings etwas differenzierter. Mir geht das große „Aufgeflagge“ von Ahnungslosen Mitläufern und/oder Erfolgsfans auch auf den Keks, genau wie ein Autokorso über 2 Stunden nach einem einfachen Vorrundensieg.

    Das hat mit dem Fußball dahinter nur noch wenig zu tun. Außerdem wird die gerade zufällig herrschende pro nationale Haltung auch gerne mal von bekannten Randgruppen ausgenutzt. Das zieht das ganze auf vielfältige Weise ins Unnötige und Überflüssige.

    Die arglosen Begeisterten, die sich gerne beim Public Viewing amüsieren und einfach bei der Party dabei sein wollen nehmen wir davon aber mal ganz explizit aus, denn die gibt es ja schließlich auch noch.

    Man muss keine Ahnung haben oder flammender Fußball-Fan sein, sondern sich einfach nur nicht wie der letzte Prolet aufführen, wie es die meisten bei solchen Veranstaltungen eben leider doch tun. Ich denke das ist hier gemeint und kann so auch vollständig unterschrieben werden.

  12. Es sei Dir gegönnt, dass Du ein Event-Fan bist und das alles mitmachst. Genauso soll es Marc und mir gegönnt sein, dass uns genau so etwas auf den Keks geht. So hat jeder seine Meinung. Dies als „intolerant“ zu bezeichnen, finde ich ziemlich intolerant.

  13. Die Fanmeilen sollen bleiben und auch Public Viewing finde ich klasse.
    Schlimm finde ich Autokorso nach jedem Gruppensieg…. „Fans“ die nicht an ein überstehen der Gruppenphase geglaubt haben, es jetzt aber gewusst haben wollen, das Deutschland weiter kommt. Viele regen sich über Bundesjogi auf aber hat er Erfolg, ist er der Beste… Schlimm sind die Idioten, die das Stadion 15 Minuten vor Schluß verlassen, weil man 1:0 zurück liegt (geil ist es, wenn man dann noch 2:1 gewinnt :D)
    Ich finde es absolut nicht schlimm, das Frauen jetzt ebenfalls zum Fußball Fan werden. Viele Frauen haben ungemein viel Fachwissen und es werden von Jahr zu Jahr mehr.

    Was das Thema mit den Fähnchen angeht, hatte ich ja bereits selber einen Post verfasst. Ich finde die Dinger klasse und habe auch selber welche am Auto und sollte sich jemand daran zu schaffen machen, kann ich auch anders…

    • Danke! Das beschreibt alles, was ich denke. Nichts gegen Rudelgucken, gegen Bundestrainer sein, gegen feiern, gegen Flagge zeigen. Nichts gegen Frauen beim Fussball. Im Gegenteil. Meine Freundin hat (nach eigener Aussage als Schalkerin) mehr Ahnung vom Fussball als ich (Borusse). Aber nur die Elf feiern des Feierns wegen. Ohne wirkliches Interesse und nur des Erfolges wegen. Das ist ätzend. Ich stehe beim Rudelgucken und höre das Gemotze, wenn nach 10 Minuten noch kein Tor gefallen ist, höre „wir verlieren eh“, höre negatives über so zimelich jeden Spieler, der nicht nach Vorne präscht oder mal ein Pass versaut. Aber wenn dann Jogi doch Recht hat, wenn wir doch treffen, dann bin ich sofort klatschnass von Bier. *dislike

      Ich will Feier, wenn es sich lohnt, will Echte Liebe zum Verein und zur Mannschaft und kein Erfolgsverwöhntes-alle-zwei-Jahre-Mitlaufen. (Ich schmeiß meinen BVB-Schal doch auch nicht weg, wenn wir mal ein Dreby verlieren. Und ich werde sicher nicht aufhören Flagge zu zeigen sollten wir mal in der Vorrunde scheitern.)

      Oder zumindest will ich mich intolerant darüber aufregen dürfen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.