Ein Ostwestfale im Rheinland

Das Leben jenseits des Rheins in mehr oder weniger weisen Worten.

Der blinde Fleck: Armut um uns herum und der Elfenbeinturm

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Mit dem „blinden Fleck“ bezeichnet man in der Sozialpsychologie laut Wikipedia
„die Teile des Selbst oder Ichs, die von einer Persönlichkeit nicht wahrgenommen werden.“

Auch ich habe im übertragenen Sinn einen blinden Fleck. Und es ist mir wichtig, dass ich mir die Existenz des Fleckes und seine Beseitigung immer wieder in Erinnerung rufe. Mir geht es gut. Zweifelsfrei. Ich bin mehr oder weniger gesundheitlich fit, habe eine Frau, die nicht nur Ehefrau, sondern auch Freundin ist, zwei hinreissende Kinder, prima Eltern (die leider viel zu weit entfernt wohnen), einen klasse Bruder und einen ausfüllenden und nicht schlecht bezahlten Beruf.

Dennoch ertappe ich mich einstweilen dabei, dass ich unzufrieden bin. Sei es im privaten oder im beruflichen. Und dabei ganz vergesse, wie wenig Grund zur Klage ich habe. Doch statt dieses Wissen zu antizipieren und zufrieden und glücklich zu sein, sitze ich selbstgefällig in meinem Elfenbeinturm und beklage mein Schicksal.

Dabei muss ich doch nur meine Ohren spitzen und meine Sinne schärfen, um zu bemerken, wie es den Menschen um mich herum geht. Und wenn ich das Schärfen der Sinne nur annährend gut erledige, werde ich rasch verwundert sein, was um mich herum passiert und vor was ich allzu gern die Augen verschließe. Denn was ich nicht sehe und wahrnehme, beunruhigt und beschäftigt mich auch nicht.

Beispiele existieren in ausreichendem Maße. Da gibt es die Frau, die seit zehn Jahren nicht in den Urlaub gefahren ist, weil die finanziellen Mittel nicht reichen. Sie rackert sich jeden Tag auf’s Neue ab, aber es ist keine Besserung der Situation in Sicht. Sie ärgert sich über die Engstirnigkeit ihrer Mitmenschen, die sich nicht in ihre Lage hineinversetzen können und ihr stattdessen nur hohle Phrasen entgegenschleudern. Sie sehnt sich nach einem kleinen magischen Augenblick in ihrem Leben, der ewig anhalten möge.

Da gibt es die alleinerziehende Mutter, die nicht nur einen Job hat, sondern parallel drei weitere Mini-Jobs erledigen muss, um ihrer Tochter ein wenig Komfort zu bieten. Sie möchte nicht, dass ihre Tochter in der Schule von den Mitschülerinnen gehänselt wird, weil sie nicht die neueste Barbie und die neueste Hello Kitty-Tasche hat. Sie möchte ihrem Mädchen nicht jeden Mittag dünne Suppe servieren, sondern lieber ein komplettes Gericht mit saftigem Fleisch oder zartem Fisch, leckeren Kartoffeln und Gemüse.

Und dann gibt es noch das Rentner-Ehepaar von nebenan. Die beiden kommen augenscheinlich auch nur unter großen Entbehrungen über die Runden. Er kümmert sich aufopferungsvoll um seine Frau, die seit einem Schlaganfall ein Pflegefall ist. Dennoch ist der ältere Herr immer gut gelaunt, nie sieht man ihn traurig oder böse. Nur abends, wenn er seine Frau gefüttert, gewaschen und ins Bett gelegt hat und er ein wenig zur Ruhe kommt, sieht man, wenn man ganz genau hinschaut, eine kleine Träne die Wange hinunterlaufen.

Ich bin mir sicher: jeder von uns kennt Menschen aus seiner Straße, seinem Wohnort oder seinem Landstrich. Wir haben es in der Hand, unser Bewusstsein zu schärfen und demütig zu sein. Unser Elfenbeinturm wird uns nicht ewigen Schutz bieten. Und wer weiß: vielleicht befinde ich mich schon bald in der Situation des Arbeitslosen, des Kranken oder des Witwers. Wer weiß?

P.S. Einen zugleich beeindruckenden und bedrückenden Kurzfilm habe ich bei Gilly zu diesem Thema aufgestöbert. Seht selbst:

Autor: Marc

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