Mit So, in etwa, ist es geschehen legt Sharon Dodua Otoo eine kurze, aber eindringliche Road-Novelle vor, die sich geschickt zwischen persönlichem Drama und gesellschaftspolitischer Reflexion bewegt.
Im Zentrum des Buches steht die Figur Amata Haller, die auf einer scheinbar banalen Autofahrt zunehmend in eine existenzielle Ausnahmesituation gerät. Bereits zu Beginn ist klar: Diese Fahrt wird tödlich enden – doch das „Wie“ und „Warum“ entfaltet sich erst nach und nach.
Dichte Atmosphäre und Zuspitzung
Die Stärke des Romans liegt weniger in der äußeren Handlung als in seiner dichten Atmosphäre und psychologischen Zuspitzung. Die Hitze, der stockende Verkehr und das unablässige Reden von Amatas Chef erzeugen eine klaustrophobische Enge, die sich direkt auf die Leser:innen überträgt. Der oft mündlich wirkende Stil verstärkt diesen Eindruck und lässt die Geschichte beinahe körperlich erfahrbar werden.
Thematisch verknüpft Otoo die individuelle Geschichte mit historischen und gesellschaftlichen Ebenen. Der Jahrestag der Katastrophe der „Cap Arcona“ – ein reales Ereignis am Ende des Zweiten Weltkriegs – wirkt als Hintergrundfolie, die Fragen nach Erinnerung, Trauma und familiärer Vergangenheit aufwirft. Gleichzeitig geht es um Identität, Zuschreibungen und die Möglichkeit, sich aus diesen zu befreien.
Keine leichte Kost
Besonders überzeugend ist, wie Otoo diese Themen nicht didaktisch ausstellt, sondern in die Handlung integriert. Amatas Eskalation erscheint dadurch nicht als isolierter Ausbruch, sondern als Ergebnis eines komplexen Geflechts aus persönlichen, historischen und gesellschaftlichen Spannungen. Der Roman stellt dabei keine einfachen Antworten bereit, sondern irritiert bewusst – und genau darin liegt seine literarische Qualität.
Allerdings verlangt das Buch auch einiges von seinen Leser:innen. Wer eine klar strukturierte Handlung oder eindeutige moralische Orientierung erwartet, könnte enttäuscht werden. Die Offenheit und Mehrdeutigkeit sind gewollt, können aber auch als sperrig empfunden werden.
Mein Fazit: So, in etwa, ist es geschehen ist ein kurzer, intensiver Roman, der lange nachwirkt. Sharon Dodua Otoo gelingt es, persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Fragen kunstvoll zu verweben. Ein Buch, das weniger Antworten gibt als Denkräume öffnet – und gerade deshalb lesenswert ist.
