Manche Bücher erzählen von großen Dramen, von Schicksalsschlägen und Wendepunkten, die das Leben von Grund auf verändern.
Und dann gibt es Bücher wie Jette Kötschaus „Dabei waren wir uns immer so nah“, die etwas erzählen, das auf den ersten Blick viel unspektakulärer wirkt und gerade deshalb so nah an der Realität ist: Was passiert mit einer Freundschaft, wenn das Leben plötzlich in unterschiedliche Richtungen läuft?
Wir waren uns so nah
Henri, Merle und Katharina waren einst unzertrennlich. Während des Studiums entstand eine Freundschaft, die selbstverständlich schien. Gemeinsame Abende, spontane Treffen, Gespräche bis tief in die Nacht. Doch einige Jahre später ist aus der vermeintlichen Selbstverständlichkeit eine Herausforderung geworden.
Die drei Frauen könnten kaum unterschiedlicher leben. Henri verfolgt ihren Traum vom eigenen Kino und genießt das Leben, während Merle mit Baby und schlaflosen Nächten längst in einem völlig anderen Alltag angekommen ist.
Katharina wiederum arbeitet mit Leidenschaft in einer Buchhandlung und beginnt gleichzeitig, ihre langjährige Beziehung und ihre eigenen Gefühle zu hinterfragen.
Weniger Gemeinsames, mehr Distanz
Aus gemeinsamen Tagen werden mühsam koordinierte Termine. Aus Nähe wird Distanz. Und irgendwann steht die Frage im Raum: Kann eine Freundschaft bestehen bleiben, wenn die Leben ihrer Beteiligten immer weniger gemeinsam haben?
Jette Kötschau erzählt nicht von der einen großen Krise, die eine Freundschaft zerstört. Sie erzählt von den vielen kleinen Veränderungen, die sich beinahe unbemerkt einschleichen.
Ein neuer Partner, ein Kind, ein anderer Beruf, neue Prioritäten, weniger Zeit und plötzlich merkt man, dass man einen Menschen, der einem einmal unglaublich nahestand, gar nicht mehr so richtig kennt.
Falsch und richtig
Besonders gelungen finde ich, dass die Autorin ihre drei Protagonistinnen nicht in „richtig“ und „falsch“ einteilt. Jede hat ihre eigenen Wünsche, Probleme und Vorstellungen vom Leben. Keine der drei ist ausschließlich Opfer oder Verursacherin der zunehmenden Distanz. Vielmehr zeigt der Roman, dass Freundschaften nicht zwangsläufig zerbrechen müssen, weil Menschen sich verändern.
Und genau das ist vielleicht die wichtigste Botschaft des Buches: Freundschaft bedeutet nicht unbedingt, für immer genau so miteinander verbunden zu bleiben wie mit zwanzig. Vielleicht bedeutet Freundschaft vielmehr, dem anderen auch dann noch einen Platz im eigenen Leben zu geben, wenn sich die Lebensumstände längst verändert haben.
Der Titel des Buches „Dabei waren wir uns immer so nah“ bekommt dadurch eine fast melancholische Bedeutung. Er klingt zunächst wie eine Erinnerung an eine vergangene Zeit. Gleichzeitig steckt darin aber auch die Hoffnung, dass Nähe nicht vollständig verloren gehen muss, nur weil sie sich verändert hat.
