Ein Ostwestfale im Rheinland

Das Leben jenseits des Rheins in mehr oder weniger weisen Worten.

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Als Läufer Auge in Auge mit dem Selbstmord

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Trüb ist das Wetter an diesem späten Dienstag Nachmittag Ende Oktober. Der Dunst, der bereits am frühen Morgen für eine undurchdringliche Suppe gesorgt hat, liegt auch jetzt immer noch wie ein schwerer Teppich über dem Land.

Ich laufe meine Hausstrecke entlang und schon seit dem Beginn habe ich ein mulmiges Gefühl. Ich weiß, dass ich an dem Ort vorbeikomme. An jenem Ort, an dem sich zwei Tage zuvor ein menschliches Drama abgespielt haben muss.

Ein mulmiger Ort

Rückblende. Während ich am Sonntag Morgen mit meiner Familie gemütlich frühstücke, durchbricht das laute Schreien des Martinshorns die sonntägliche Ruhe. Und kurze Zeit später blitzt auch das blaue Blinklicht die Straße durch die Siedung, in der ich lebe.

Etwas ist aber anders. Der Rettungswagen ist nicht aus der Ortsmitte gekommen, sondern aus Richtung der Felder, die zwischen Kleinenbroich und Büttgen von den hiesigen Landwirten bewirtschaftet werden. Das ist ungewöhnlich und bedeutet nichts Gutes. Und so ist es auch.

Kurze Zeit später ploppt eine Push-Nachricht in WhatsApp bei mir auf und bringt traurige Gewissheit. Von einem Notarzteinsatz am Gleis ist die Rede und von einer stundenlangen Sperrung der Strecke.

Mir ist klar: ein Mensch hat – leider anscheinend erfolgreich – versucht, sich das Leben zu nehmen. An den Gleisen. Wie schon vor zwei Monaten, als sich an fast gleicher Stelle, damals allerdings in unmittelbarer Bahnhofsnähe, ein Mensch das Leben beendet hat.

Mit jedem Meter, dem ich mich der vermeintlichen Unfallstelle nähere, werden meine Laufschritte schwerer. Die Gänsehaut, die anfangs ein kleines Kribbeln gewesen ist, breitet sich immer weiter aus und lässt mich nicht mehr los. Und dann erreiche ich die vermutliche Stelle, an der ein Menschenleben ausgelöscht worden ist.

Dieser Gleisabschnitt ist perfekt – Pardon für diese Wortwahl – für einen Suizid. Die Bahnstrecke verläuft schnurgerade und ist nicht durch einen Zaun abgesichert, sondern frei begehbar. Du kannst dich, um nicht rechtzeitig vom Zugführer gesehen zu werden, hinter hochgewachsenen Büschen verstecken und dann im letzten Augenblick auf die Gleise springen, um das todbringende Delikt zu vollenden.

So kann es gewesen sein.

Die letzten Gedanken vor dem Tod

Was ist in dem Menschen vorgegangen? Wie haben seine letzten Lebensminuten ausgesehen? Was muss passiert sein, dass er seinem kostbaren Leben ein Ende gesetzt hat? Wieso gab es niemanden, der ihn von dem tödlichen Vorhaben abbringen konnt? Und am Ende steht die Frage aller Fragen: wie verzweifelt muss dieser Mensch gewesen sein, der keine andere Chance gesehen hat, als seinem Leben ein Ende zu setzen.

Ich denke an Johannes Korten, der Ende Juli seinem Leben ein Ende gesetzt hat, weil er keinen Ausweg mehr gesehen hat und die bösen Dämonen in seinem Kopf Überhand gewonnen haben.

Ich denke an Uwe, der mit ähnlichen Gedanken gespielt hat, der sich aber wenige Wochen zuvor erfolgreich der Todessehnsucht widersetzen konnte (Warum ich nicht mehr leben wollte).

Und ich denke an den Menschen, der sich nur zwei Monate zuvor – auch in Kleinenbroich – am Bahnhof ebenfalls am Wochenende das Leben genommen hat.

Dieser Mensch steht sinnbildlich für all jene, die leider täglich und viel zu oft als „Personenschaden“ oder „Notarzteinsatz am Gleis“ in den Meldungen der Deutschen Bahn und den Medien auftauchen.

Mehr zum Thema Laufen in meiner Artikel-Serie “Projekt Laufen”

Alle bisherigen und künftigen Beiträge zum Thema Laufen findet ihr unter #ProjektLaufen2014, unter #ProjektLaufen2015 und unter #ProjektLaufen2016.

Autor: Marc

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