Ein Ostwestfale im Rheinland

Das Leben jenseits des Rheins in mehr oder weniger weisen Worten.

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Emotionale Nähe versus räumliche Distanz

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Vielen Wochenendpendlern und Verliebten, die in zwei unterschiedlichen und weit entfernten Städten wohnen, ist das Thema bekannt: räumliche Distanz.

Meine Familie, und damit meine ich meine Frau und meine Söhne, leben mit mir zusammen im Rheinland. Aber andere Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, sind in Ostwestfalen beheimatet und damit knapp 250 Kilometer oder eine Autofahrt von mindestens zweineinhalb Stunden von mir entfernt.

Ich beneide Freunde und Bekannte, die das Glück haben, in einem Ort, in einer Gemeinde oder in einem Kreis mit ihren näheren Verwandten zu leben und einfach mal so und spontan und ohne großen Aufwand auf einen Kaffee, zum Grillen oder einfach zum Quatschen vorbeikommen können. Das habe ich nicht und das vermisse ich.

Besonders bewusst wird mir dieser Mangel in besonderen Situationen. Und zwar dann, wenn ein Herzmensch krank ist oder in Not oder einfach Zuspruch und Nähe von mir benötigt. Ein Telefonat oder eine Unterhaltung via Skype oder der Austausch von WhatsApp-Nachrichten kann keinen persönlichen Kontakt und kein persönliches Gespräch ersetzen.

Derzeit erlebe ich das Spannungsfeld zwischen emotionaler Nähe und räumlicher Distanz wieder ganz besonders intensiv. Einer meiner Herzmenschen wartet seit mehreren Monaten auf eine wichtige und sehr schwierige Operation. Der Eingriff musste bereits einmal abgesagt werden und stand kürzlich unmittelbar bevor.

Bei unserem letzten Besuch haben wir uns intensiv über die Operation, die Risiken und die chancen unterhalten. Und diese Gespräche waren genauso belastend (was kann alles passieren?) wie hoffnungsvoll (das Ende der Schmerzen ist da). Doch als Gast, der einige Tage zu Besuch ist, bekomme ich nur Fragmente mit und nicht die gesamte Klaviatur der Emotionen, Sorgen und Ängste, die meine Herzmenschen beschäftigen und belasten.

Seit vergangenem Samstag Abend, als ich mich mit meinem Bruder über die Lage ausgetauscht habe, waren meine Nächte schlaflos. Ich musste ständig an meinen Herzmenschen denken und darüber nachdenken, welche Rolle ich in dem ganzen Gefüge spiele. Bin ich feige, weil ich mich räumlich entfernt habe und mich dem Thema nicht stelle(n muss)? Was kann ich mehr tun? Wie kann ich helfen, ihm seine Zweifel nehmen und Zuversicht vermitteln?

Hoffnung und Freude haben zwei Telefonate von meiner Frau und den Kindern mit meinem Herzmenschen am Dienstag ausgelöst. Ich erlebte den künftigen Patienten optimistisch und nicht niedergeschlagen. Ich hatte das Gefühl, dass er mehr Chancen als Risiken sieht und optimistisch in die bevorstehenden Tage im Krankenhaus geht. Diese Gefühle haben mir gut getan und mich ebenfalls froh gestimmt.

Doch einfach ist es nicht. Insbesondere in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, dem Tag der Operation, bin ich stündlich aufgewacht und war wachgerüttelt. Unendliche Gedanken haben meinen Kopf erobert und mir den Schlaf geraubt. Ich wäre am liebsten nachts um drei Uhr aufgestanden, hätte mich an den Küchentisch gesetzt und meine Gedanken geordnet – so wie ich es jetzt gerade mache.

Und dann war der Mittwoch da. Ich wusste, dass die Operation am Vormittag starten sollte. Patientenaufnahme um 10 Uhr, Eingangsuntersuchungen, „I feel so high“-Tablette schlucken und Einleitung der Anästhesie. Dann banges Warten über zwei bis drei Stunden, die der komplizierte Eingriff erfordert. Anschließend Aufwachraum. Abwarten auf das Ergebnis. Beobachtung des Heilungsprozesses.

Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, mit der Bahn anzureisen und Präsenz zu zeigen. Doch ein Telefonat mit meinem Herzmenschen am Dienstag Vormittag brachte mich auf den Gedanken, dass der Herzmensch lieber die ganze Familie mit Vater, Mutter und Kindern am Wochenende sehen möchte. Das hat mich ehrlich gesagt erleichtert. Denn es gibt nichts Schlimmeres als Warten. Und dabei zu erleben, wie hilflos der Mensch ist, wenn er warten muss und nichts tun kann.

Also bin ich am Mittwoch ins Büro gegangen. Und konnte mich mit Arbeit ablenken. Telefonieren, Gespräche führen, in Meetings sitzen und E-Mails schreiben. Doch unablässig schweiften meine Gedanken ab zu meinem Herzmenschen. Ich sah ihn vor mir. Bei der Aufnahme ins Krankenhaus, bei der Einleitung der Narkose und liegend auf dem Operationstisch. Ich sah die Ärzte in ihren grünen Operationskitteln und die assistierenden Schwestern. Ich sah einen offenen Körper und Skalpelle, Tupfer und andere Instrumente.

Ständig lenkte sich mein Blick wie automatisch auf mein Smartphone. Ich suchte nach der im unteren Drittel des Telefon platzierten LED, die in grünen und weißen Farben auf eine neue Nachricht per WhatsApp oder E-Mail aufmerksam macht. Die LED leuchtete im Laufe des Vormittags und Mittags und Nachmittags mehrmals auf, aber es sollte bis 16 Uhr dauern, bevor ich die so heiß ersehnte Mitteilung von meinen anderen Herzmenschen erhalten sollte.

Bis dahin verrinnen Minute um Minute und Stunde um Stunde und ich bin fast wahnsinnig vor Sorge und Angst geworden. Jeder kann sich vorstellen, welche grausamen und schrecklichen Bilder in mir hochgekommen sind – das war ganz, ganz übel und schnürte mir beinahe die Luft zum Atmen ab. Doch dann war er da, der Anruf auf meinem Mobiltelefon. Und die Nachrichten waren gut: mein Herzmensch hat die Operation gut überstanden und es geht ihm den Umständen entsprechend gut.

Ich bemerke, wie mir Tränen der Rührung und der Freude in die Augen schießen und wie die über Stunden aufgestaute Anspannung schlagartig einer Entspannung weicht. Mein Herzmensch hat die schwierige Operation überstanden und es geht ihm gut. Ich habe es mir so gewünscht und so dafür gebetet – und es ist wahr geworden.

Das sind Momente, die unvergesslich bleiben und die zeigen, welche emotionalen Achterbahnfahrten ein Mensch erleiden, erleben und bestehen kann. Ich bin erleichtert. Einem meiner wichtigsten Herzmenschen geht es gut und jetzt bin ich guter Dinge, dass ein neuer Abschnitt beginnt.

Autor: Marc

Hallo, ich bin Marc. Schön, dass Du bei mir im Blog vorbeischaust. Hier mein Leben in weniger als 140 Zeichen: Google-Fan, Sony Xperia Z5 compact, ipad mini 2, BlackBerry Classic, Android, iPad 4, Social Media, nur der BVB, Reiseblogger, Vater, (Ehe-) Mann, Chef. Ich bin übrigens auch bei Facebook, Google+ und Twitter zu finden.

4 Kommentare

  1. Jetzt würde ich dich spontan drücken wollen.
    Ich habe für ein Jahr zum Studium in Konstanz gelebt. Ich kann diese Belastung zu weit weg zu sein, um helfen zu können/ wirklich hilfreich zu sein, sehr gut nachvollziehen.
    Ich hoffe dein Herzmensch erholt sich rasch wieder und ich wünsche ihm unbekannter Weise gute Besserung.

    Liebe Grüße, Carmen

  2. Schöne Nachrichten zum Wochenende. Es freut mich sehr für dich, dass die Operation gut verlaufen ist und es der Person täglich besser geht. Und zur räumlichen Entfernung. Jeden verschlägt es im Leben irgendwo wegen irgendetwas hin. Die einen bleiben in der gleichen Stadt, andere im Bundesland oder andere wechseln sogar das Land oder gar den Kontinent. Deshalb darfst du dich sicherlich nicht fertig machen. Das ist das Leben. ALLES GUTE weiterhin deinem Herzmensch und dir und deiner Familie natürlich auch.

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