Ein Ostwestfale im Rheinland

Das Leben jenseits des Rheins in mehr oder weniger weisen Worten.

Diebstahl geistigen Eigentums bei Twitter und Facebook? – Shitstorm auf amazon.de

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Seit gestern gibt es eine rege Diskussion beim Online-Händler amazon.de. Ursache des Ärgers ist ein Buch, das noch gar nicht veröffentlicht ist, aber schon eine Woche vor dem Erscheinungsdatum die Diskussion um den Schutz geistigen Eigentums und Zitatklau, Tweet-Klau sowie das Duplizieren von Facebook-Sprüchen angeheizt hat.

Es geht um das Buch Nachts um 3 Uhr klingelte der Nachbar. Mir ist vor Schreck fast die Bohrmaschine aus der Hand gefallen.: Immer einen blöden Spruch auf Lager von Rolf Hohenhaus. Das Buch geht zurück auf die Facebook-Seite iSpruch, die selbst von sich behauptet, „die beliebteste deutschsprachige Sprüche-Community mit einer Reichweite von über 25 Millionen Facebook Fans in den verschiedenen sozialen Netzwerken“ zu sein:

Die coolsten Sprüche wo gibt! „8,5 cm reichen völlig aus, um eine Frau glücklich zu machen… Dabei ist es absolut unbedeutend, ob VISA oder Master-Card draufsteht!“ „Ich habe meine Ernährung umgestellt, die Chips stehen jetzt links vom Computer!“ „Die häufigste Lüge der Menschheit: Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.“ „Die beste Informationsquelle sind Leute, die versprochen haben, nichts weiter zu erzählen!“

iSpruch ist die beliebteste deutschsprachige Sprüche-Community mit einer Reichweite von über 25 Millionen Facebook Fans in den verschiedenen sozialen Netzwerken. Sie dreht sich um blöde Sprüche und Weisheiten, mit denen jede Runde unterhalten werden kann. Bekannt geworden ist iSpruch durch die kleinen blauen Briefmarken mit Sprüchen auf Facebook. Mittlerweile befinden sich mehrere Millionen blauer Briefmarken auf fast allen deutschen Facebook-Pinnwänden.

Aufregung über Rolf Hohenhaus und iSpruch

Und woher kommt jetzt die Aufregung in den sozialen Netzwerken? Die Community regt sich über den Diebstahl geistigen Eigentums und dessen anschließender Monetarisierung auf eigene Rechnung auf und und seziert dabei ganz genau, wo die Sprüche aus dem Buch ihren Ursprung haben.

„Schon den Titel klaute der Autor auf Twitter bei @oOtrinityOo: http://de.favstar.fm/users/oOtrinityOo/status/74920817900785664.

Der 8.5cm Spruch aus der Kurzbeschreibung des Buchs ist eigentlich von @MelA_2509 erdacht: http://favstar.fm/users/MelA_2509/status/119346044688547840.

Die Umstellung der Ernährung in der Kurzbeschreibung stahl der „Buchautor“ aus den Tweets von @schlenzalot: http://favstar.fm/users/schlenzalot/status/154890213561348096″ (Quelle)

Was sagen die Betroffenen?

Ich habe mit einigen Twitter-Usern, deren Tweets in dem Buch erscheinen, Kontakt aufgenommen und um eine Stellungnahme gebeten. Ebenso versuche ich, eine Rückmeldung vom Autor (oder sollte ich besser sagen Herausgeber?) zu bekommen. Sobald ich eine Rückmeldung habe, werden diese Statements im Beitrag veröffentlicht.

Was sagt der Verlag riva?

Nachts um 3 Uhr klingelte der Nachbar. Mir ist vor Schreck fast die Bohrmaschine aus der Hand gefallen. Immer einen blöden Spruch auf Lager  Cover Riva Shitstorm amazon.deDer Verlag riva hat auf seiner Facebook-Seite zwischenzeitlich eine Stellungnahme zu dem Buch Nachts um 3 Uhr klingelte der Nachbar… abgegeben:

„Liebe Community,

wir haben am Wochenende diverse Anfragen erhalten, die sich erkundigen, ob der Inhalt unseres Buchs „Nachts um 3 Uhr klingelte der Nachbar. Mir ist vor Schreck fast die Bohrmaschine aus der Hand gefallen“ aus den Tweets von diversen Twitterern übernommen worden sei. Das Buch basiert auf dem Content der Facebookseite „Immer ein blöden Spruch auf Lager“ von Rolf Hohenhaus, der uns vertraglich zugesichert hat, dass die Inhalte keine Urheber- oder Persönlichkeitsrechte Dritter verletzten.

Wir als Verlag leben vom Schutz des geistigen Eigentums. Deshalb möchten wir alles tun, um etwaige Rechtsverletzungen zu unterbinden. Wir bitten alle Twitterer, die einen selbst erfundenen Spruch von sich auf dieser Facebook-Seite (https://www.facebook.com/iSpruch) entdecken, uns dies mitzuteilen, damit wir den Urheber nennen können oder, falls dieser an einer Veröffentlichung nicht interessiert ist, den Spruch aus dem Manuskript zu entfernen.

Leider ist es durch die Dynamik der sozialen Netzwerke häufig schwierig, die Urheber von verbreiteten Sprüchen herauszufinden. Oft hatten mehrere Urheber eine ähnliche Idee. Die ältesten Rechte an dem Titel des Buchs „Nachts um 3 Uhr klingelte der Nachbar. Mir ist vor Schreck fast die Bohrmaschine aus der Hand gefallen“ hat nach unserem Kenntnisstand ein professioneller Gagautor, der diesen Witz in den neunziger Jahren für eine Sendung von Rudi Carrell geschrieben hat, wie er uns schriftlich versicherte.

Mit den besten Grüßen,
Der riva Verlag“

Rechtliches: Diebstahl von Tweets und Facebook-Updates

Das Kopieren und die Veröffentlichung von Tweets und Facebook-Updates unter eigenem Namen ist rechtlich nicht unbedenklich: „Nach einem Urteil des LG München vom 8. September sollte man vorsichtig sein bei der unerlaubten beziehungsweise ungenehmigten Übernahme von Tweets in eigenen Publikationen (Tweets, Blog-Postings etc.) sein. Denn in der Entscheidung wurde die Ansicht der Klägerin bestätigt, dass schon ein einziger Satz ein urheberrechtlich geschütztes Sprachwerk“ sein kann.“ (Quelle: Gerichtsurteil und Artikel Wenn aus Sätzen Werke werden, muss man mit Tweet-Kopien vorsichtig sein)

Sprüche-Klau und Tweet-Diebstahl als neues Phänomen?

Sprüche auf Facebook und Tweets auf Twitter werden seit Anbeginn der beiden sozialen Netzwerke kopiert und von wenig schlauen Nutzern als deren eigenes geistiges Gedankengut ausgegeben. Das ist – leider – nichts Neues. Dass jetzt erstmals daraus Kapital geschlagen wird, ist für die Community neu und führt zu einem Aufschrei. Aber ist dieses Phänomen wirklich neu? Ich bin anderer Meinung.

Denn bereits im vergangenen Jahr ist im riva-Verlag das Buch WEBFAIL! von Nenad Marjanovic und Manuel Iberebfail erschienen, das ich hier im Blog vorgestellt habe. Auch in WEBFAIL! sind Status-Meldungen von Facebook abgedruckt worden. Allerdings mit einem Unterschied: bei diesen Meldungen handelte es sich nicht um witzige Sprüche und Aphorismen, sondern um vermeintlich wenig intelligente Postings einfältiger Facebook-Nutzer, die erst durch die anschließenden Kommentare der Kontakte in dem sozialen Netzwerk lustig, peinlich oder lustig-peinlich geworden sind.

PONS macht es besser

Wie das Problem des Tweet-Klau und des Stehlens von Facebook-Statusmeldungen ohne Probleme umgangen werden kann, zeigt der Verlag PONS mit dem Buch PONS Twitter – Das Leben in 140 Zeichen. Wahre und kuriose Tweets aus dem Web.

Die dort veröffentlichten Tweets wurden erst nach vorheriger Genehmigung der Schöpfer der Twitter-Meldungen veröffentlicht und kommen damit erst gar nicht in den Verdacht des Content-Klaus.

Was denkt Ihr?

Und was haltet Ihr von der Diskussion? Ist ein Buch mit gesammelten Sprüchen aus Facebook und Twitter interessant für Euch? Wie seht Ihr die Frage des Diebstahls geistigen Eigentums?

Update: Auslieferungs-Stopp des Buches

Der Verlag riva hat kürzlich auf seiner Facebook-Seite den  vorläufigen Stopp der Auslieferung des Buches bekannt gegeben. Mehr hier: riva-Verlag stoppt vorerst Buch mit Twitter- und Facebook-Sprüchen.

 

Autor: Marc

Hallo, ich bin Marc. Schön, dass Du bei mir im Blog vorbeischaust. Hier mein Leben in weniger als 140 Zeichen: Google-Fan, Sony Xperia Z5 compact, ipad mini 2, BlackBerry Classic, Android, iPad 4, Social Media, nur der BVB, Reiseblogger, Vater, (Ehe-) Mann, Chef. Ich bin übrigens auch bei Facebook, Google+ und Twitter zu finden.

6 Kommentare

  1. Wer gesammelte Tweets unterschiedlicher Twitter-User in Buch-Form herausgibt, wendet sich offenbar in erster Linie an ein Publikum, das nicht internetaffin ist.
    Versierte Twitterer bezeichnen solche Leute gern mal herablassend als Internetausdrucker.
    Im Amazon-Shitstorm werden diese potentiellen Buchkäufer nun aufgefordert, stattdessen doch die Original-Tweets auf Twitter zu lesen. Diese Aufforderung richtet sich also wohl hauptsächlich an Leute, die Twitter gar nicht nutzen können.

    Für mich ist eine wichtige Frage die, ob der Buchautor (oder Herausgeber) von sich behauptet, er habe diese „blöden Sprüche“ selber verfasst, oder ob klar ist, dass er sie nur gesammelt hat. Schon das machen ihm einige Kommentatoren auf der Amazon-Seite voller Verachtung zum Vorwurf, dass er Material veröffentlicht, welches er nicht selbst verfasst hat. Dieser Vorwurf ist natürlich lächerlich.

    Die Hauptfrage aber ist, ob er ein Recht dazu hat, diese Texte zu veröffentlichen, oder ob es sich um einen Rechtsverstoß handelt. Nur im zweiten Fall kann man von geistigem Diebstahl oder „Tweetklau“ sprechen. Das scheint eine ungeklärte Frage zu sein, was die Shitstorm-Kommentatoren teilweise selber als Möglichkeit einräumen.

    Das ganze ist also hauptsächlich eine moralische Entrüstung darüber, dass jemand die Geschäftsidee hatte und umsetzt, mit lustigen Tweets anderer Leute eigenes Geld zu verdienen. Man muss das so deutlich sehen, um mal etwas Luft rauszulassen aus diesem Heißluftballon.
    Nur aus diesem Grund ergießt sich ein Schwall von Spott und Häme über den Buchautor oder Herausgeber. Dabei wird die Grenze zur justiziablen Beleidigung teilweise überschritten, und man kann gespannt sein, ob zuerst er Klage einreicht oder ein Twitterer, der sich beklaut fühlt.

  2. Zur Klarheit möchte ich anmerken:
    1. Ich fände es durchaus besser, wenn die Tweetautoren gefragt worden wären und wenn sie als Urheber iher Tweets benannt worden wären.

    2. Autoren von Tweets erstellen meiner Meinung nach nicht selbstlos und mühevoll Tweets zum Nutzen der Öffentlichkeit, sondern schreiben aus den verschiedensten Gründen für sich selber.
    Das heißt, sie werden nicht frustriert aufhören, weil jemand ihre Tweets ohne Urhebernennung veröffentlicht, wie ein Amazon-Kommentator insinuiert.

    3. Hier wird jemand bei ungeklärter Rechtslage aus „moralischen“ Gründen an den Pranger gestellt. Man muss sein Verhalten nicht mögen, aber etwas Zurückhaltung mit beleidigenden Formulierungen wäre angemessener.

  3. Vorher fragen wäre angebracht gewesen. So oder so. Der Medienbruch an sich wäre aber auch, einen Link zum Original-Tweet drunter zu schreiben. Dennoch: ein Link zum Profil des Urhebers (oder einfach der Twittername) wären angebracht.

    Auf der anderen Seite mal eine ganz simple Frage, Marc. Wer sagt dir, dass oben genannte Twitterer die tatsächlichen Urheber dieser „Sprüche“ sind? Nicht böse gemeint, aber ich tue mir da immer extrem schwer den tatsächlichen Urheber ausfindig zu machen.

    Das soll keinesfalls als Entschuldigung für den Verlag gelten. Fragen finde ich nun wirklich nicht so schwer.

  4. Der Weg den PONS ging – war der einzig korrekte.

    Wenn das ohne Zustimmung geschieht – ist es Diebstahl.

    Nicht mehr nicht weniger.

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