Ein Ostwestfale im Rheinland

Das Leben jenseits des Rheins in mehr oder weniger weisen Worten.

Der Mann auf dem Pappkarton

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Jeden Morgen gehe ich an ihm vorbei, an dem Mann auf dem Pappkarton. Wenn ich aus der S-Bahn gestiegen und die Treppe herabgestiefelt bin, passiere ich den Hinterausgang und sehe ihn schon von weitem.

Auf einem dünnen Pappkarton hat er sich niedergelassen. Sein Rucksack mit den Habseligkeiten steht neben der metallenen Säule, an die er auch seinen Körper lehnt. Sein Gesicht wirkt dunkel, die Augen liegen tief in den Höhlen. Er hat einen dichten Bart, der nicht ungepflegt wirkt.

Eine blaue, dicke Daunenjacke versucht verzweifelt, ihn gegen die aufsteigende Kälte in der Luft und vom Boden zu schützen. Manchmal liegt er auch in embryonaler Haltung auf dem dünnen Karton aus Pappe und ich bin unsicher, ob der Körper nur leblos wirkt oder es sogar schon ist.

Vor seinen Füßen steht eine Blechdose, die die vorbeieilenden Passanten zum Spenden animieren soll. Er selbst ist ein stummer Bettler, denn ein flehendes „Bitte eine Spende“ oder ein forderndes „Haste mal ’nen Euro“ ist hier niemals zu hören.

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Foto: Anna-Lena Ramm / pixelio.de

Jeden Abend gehe ich an ihm vorbei, an dem Mann auf dem Pappkarton. Die Blechdose ist mit ein paar Zehn-Cent-Münzen gefüllt, manchmal ist auch ein 50-Cent-Stück oder gar ein Euro dabei. Ich frage mich, wieso ich kein Geld in seine kleine Büchse werfe. Weil ich mich schäme? Weil ich Angst vor einem Blick in seine dunklen, traurigen Augen habe? Oder weil ich mich peinlich berührt fühle, wenn er meine Geldgabe mit einem devoten „Dankeschön“ quittiert?

So geht es jeden Morgen und jeden Abend, von Montag bis Freitag, an jedem Werktag im Januar 2012. Und beinahe jedes Mal erwische ich mich bei dem Gedanken, einfach mal einen Fünf Euro-Schein in die silberne Blechdose zu werfen. Wirkt das zu überheblich, zu generös? Ich bin unsicher und verwerfe den Gedanken ganz schnell wieder.

Dann ist es Mittwoch. Morgens bin ich eine Dreiviertel Stunde später als sonst unterwegs. Als ich aus der Bahn steige und die Tür des Hintereingangs passiere, wundere ich mich. Der Mann auf dem Pappkarton ist nicht mehr da. Sein Nachtlager ist noch da. Auch der Pappkarton liegt noch an der gleichen Stelle wie gestern. Aber der Mann fehlt. Wo ist er? Holt er sich einen heißen Kaffee? Wärmt er sich im Bahnhof auf? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Am Mittwoch Abend verlasse  ich das Büro, stehe vor dem Hauptbahnhof Düsseldorf und bin erstaunt. Der Mann auf dem Pappkarton ist nicht mehr da. Sein Rucksack ist verschwunden. Auch der Pappkarton ist nicht mehr da. Es wirkt, als sei er nie hier gewesen. Was ist mit ihm passiert?

Ist er ein Opfer der Minusgrade geworden, hat ihn die Kälte das Leben gekostet? Ist er an einen anderen Platz gezogen, weil er nicht mehr im Schatten des Bahnhofsgebäudes sein durfte? Oder hat er eine warme Bleibe in einem Obdachlosenheim gefunden?

Ich werde es nie erfahren.

Autor: Marc

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Ein Kommentar

  1. Schön geschrieben. Und weil es inhaltlich wirklich gut passt, muss ich das hier mal hinterlassen: http://blog.dtoday.de/neonroehren/2011/03/obdachlos-mit-einem-dach-uber-dem-kopf/

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